Am Sonntag den 23. Juni um 14.00 wurden
„1200 göttliche Jahre“ von GapStarPro auf der Schallaburg eröffnet:

Arbeiten im Garten der Götter

Zur Eröffnung sprach Mag. Johannes Kaup: "Über den Sinn für das Unendliche"
Landesrätin Frau Mag.a Schwarz: über die Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum
Thomas Wolf hielt eine praktische Meditation zum Form-Zeit-Paradoxon und einer Mathematik ohne Zahlen
Zum Abschluss gab es ein gemeinsames Sand Mandala


Was uns beim Spuren Lesen quer durch die indische Mythologie zu aller erst aufgefallen ist, war der entspannte Umgangmit großen Zahlen:320 000 Tage, 4. 320 000 Jahre, das scheinen für Inder durchaus geläufige Zahlenreihen zu sein, ebenso wie die Anzahl der kleineren und größeren Götter so immens ist, dass es schon keine Rolle mehr spielt, ob es nun tatsächlich 330 000 oder 3 333 000 sind, die, jeder einzelne mit ganz speziellen Kräften ausgestattet, die verschiedenen Sphären bevölkern, von denen die Erde nur eine ihrer möglichen Wirkungsstätten ist, wo sie untereinander konkurrierend in unterschiedlichsten Allianzen darum streiten, wer denn nun der ursächlichste Anfang all dieser überschäumenden Schöpfung sei. Allem Anschein nach sollte es Brahma gewesen sein, der sich in einem Akt selbst gebärender Autopoyese, andere sagen: ganz einfach träumend, selbst erschaffen hat.

Gegenwärtig scheint Shiva, der in permanentem Erregungszustand und extrem unruhig Tänzelnde, vor Vishnu, dem schön-geistigen Bewahrer, den göttlichen Richtungsstreit für sich entschieden zu haben. Die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen aller Orten sprechen auch dafür. Es ist nicht die Zeit des in sich ruhenden, schöpferisch träumenden Brahma, der Kreis hat sich noch nicht geschlossen. Dennoch: wenn alles aus „Einem“ entsprungen ist, ist dann nicht alles, was danach kommt eine ab-weichende Variante, eine mögliche Gestalt dieser Urform? Das wäre zumindest eine Erklärung für all die Avatare und Mani-festationen ein und derselben Energie, ob in tierischer, trans-humaner oder dämonischer Gestalt, die es von Shiva, Vishnu oder Brahma inklusive all ihrer weiblichen Begleiterinnen gibt.

So schier unvorstellbar lang die einzelnen Zeitalter einer indischen Kosmologie auch dauern mögen, am Ende eines jeden Brahmanischen Tages folgt unweigerlich die Brahmanische Nacht, und mit ihr die vollkommene Zerstörung von allem zu Nichts. So wird der Null Punkt wiederhergestellt, von dem aus sich das ganze Universum mit all den möglichen Wesenheiten, Kräften und Ausgestaltungen von Neuem aufbaut. Vielleicht rührt von daher auch jene Gelassenheit der Inder gegenüber einer mit absoluter Gewissheit eintretenden Schicksalhaftigkeit der Zeit? Oder von einem bereits sehr früh angelegten, großen Wissen über die Mathematik, das zur intuitiven Erkenntnis führte: die Götter sind zwar in ihrer Zeit unsterblich, aber nicht unendlich, denn sobald ihre Zeitspanne abgelaufen ist, vergehen auch sie, egal ob das nun nach 4. 320 000 Jahren oder oder schonnach einem einzigen göttlichen Tag geschieht.

Dieser „ewige“ Kreislauf einer auf- und absteigenden Transformation scheint überhaupt Programm jeder Kreatürlichkeit, und deren Ablaufdatum immer schon vorgegeben. Es begegnet uns auf Schritt und Tritt und oft ohne dass wir es merken, verschwindet etwas aus unserem Leben,das gerade eben noch dagewesen ist.

„so wie die Zeit vergeht“, ist nur ein lapidarer Halbsatz, der sich wie eine stehende Welle im Raum - auf Fortsetzung wartend - ausbreitet, während seine haptische Manifestation am Boden mit jedem Augenblick, und jedem weiteren Schritt der vergeht, mehr und mehr verblasst. Darüber könnten die so anmutig wirkenden Sanskrit Zeichen im „Göttergarten“ leicht hinwegtäuschen - wäre da nicht das Shivaitische Treiben, das in einzigartiger Unerbittlichkeit alles Gestrige, zum Untergang verurteilte mit sich in den Malstrom der Zeit zu reißen versucht, sofern es Vishnu nicht gelingt, das volle Blau eines ewigen Himmels kraftvoll dagegenzustellen...

Aber was ist Zeit, ganz für sich betrachtet, auch anderes als ein Spiel mit Zahlen?
Der unerbittlichen Zeit irgendwie entrissen, so muten die 8 fotografischen Szenen in diesem Göttergarten beinahe wie eine Reminiszenz an vergangene Tage an. Spätestens, wenn das Licht eines heißen Sommernachmittags, schräg von hinter dem Burgturm, hereinbricht und durch die transparente Haut der Protagonisten hindurch sticht, wird unmittelbar klar, wie vibrierend transzendent Wirklichkeit sein kann, sodass man zu begreifen vermeint, wie die eine Realität unmittelbar in eine andere übergeht, sie durchwirkt, und während man versucht ist, dem nachzugehen, stößt man unversehens schon an die Grenzen irgendwelcher physikalischen Gesetze, die einem nun vielleicht nicht mehr ganz so plausibel erscheinen.

Als hätten sie sich immer schon in diesem Garten aufgehalten, oder als wäre die Zeit einen Moment lang im Zwischen-Raum stehengeblieben - und hätte die Protagonisten, die auf diesen Fotos ganz mit sich beschäftigt, ihren alltäglichen Verrichtungen nachgehen - in diesem einen „göttlichen Moment“ ihrer irdischen Zeitspanne eingefroren, um sie für immer dort festzuhalten. Hier nun sind sie zu „Göttern“ geworden und waren noch 2009 Kinder aus Pushkar, der Frisör aus Pushkar, der Fahrradmechaniker aus Mussoorie in seiner Open Air Werkstatt, die Bäuerin aus Udaipur, Hanuman aus Rishikesh in seiner etwas profaneren Erscheinung als Popcorn liebender Langure, oder Shiva in seiner Aufmachung als Stier, oder Vishnu als ratloser Versicherungsvertreter,
der sich auf eine Hochzeit im Palast des Maharadschas von Bikaner verirrt hat. Und die 8 mächtigen Shiva Lingas, die in ihrer weltlichen Erscheinung einfach Buxbäume waren, wurden zum Schutz vor der zerstörerischen Hitze ihrer schöpferischen Urgewalt, in magentafarbenen Tüll gepackt und mit Hanfseilen verschnürt. Hier stehen sie nun und bewachen die bunte Szenerie.

Während wir noch der Bewegung des Lichts von den Bildern hin zu den herrlichen Pflanzen eines ursprünglich europäischen Renaissance Gartens folgen, oder über das Vergehen der Schrift mit der Zeit sinnieren, dringen wellenartig heranwehende Klänge an unser Ohr, bringen Satz-Fragmente aus philosophischen Gesprächen, zerstäubte Rezitationen des Aryabhata Codes, Liedfetzen, verschiedene exotisch klingende Klangpartikel, die unserer Aufmerksamkeit zusetzen und sie von den Bildern weg und wieder zurück driften lässt, in dem Versuch eine akustische Unterscheidung darüber zu treffen, ob der Vogel, der gerade singt, im vor uns liegenden Apfelhain sitzt, oder aus einer verborgenen Maschine kommt. Langsam kommt die Dämmerung:
Alles beruht auf mathematischen Formeln!

Vielleicht empfinden wir die Mathematik auch deshalb schön, weil sie uns riesige Gedankensprünge ermöglicht, mit denen wir, wie einst Vishnu als Zwerg, das Universum in 3 Schritten durchmessen können, weil sie auf so mysteriöse und zugleich magische Weise die kompliziertesten Vorgänge in Natur, Kultur und Kosmos zu erklären vermag, und die bislang einzig allgemeingültige Sprache der Wissenschaft ist, mit deren Hilfe Mathematiker und Physiker die eine Formel finden wollen, die alles erklärt. Bis an den Anfang unseres Universums sind sie schon vorgedrungen! Aber dass sie überhaupt dazu in der Lage sind, das verdanken sie der Rechenkunst eines indischen Mathematikers lange vor unserer Zeit: Der indische Astronom und Mathematiker Aryabhata verblüfft bis zum heutigen Tage die mathematische Fachwelt allerorten damit, dass ihm schon im 5. nachchristlichen Jh. gelungen ist, die für jede Art von Kreisrechnung so fundamentale Zahl Pi bis auf 5 Kommastellen genau zu berechnen.

Das und die Tatsache, dass Aryabhata durch seinen mathematischen Kunstgriff der „leeren Stelle“ (Sanskrit: kha) die Null erfunden hat, ohne die technologischer Fortschritt, wie wir ihn heute erleben, niemals möglich gewesen wäre, haben GapStarPro zum Entwurf der Aryabhata Stelen inspiriert.

An den multiplen Aryabhata Skulpturen lässt sich auch der für GapStarPro (r.macher/s.okotie) so wesentliche Weg der Transformation und Verdichtung eines Konzepts zu einem Werkstück festmachen, das, so wie hier, einerseits als Objekt im öffentlichen Raum funktioniert, genauso gut aber ein besonderer Leucht-Körper für einen besonderen Garten sein könnte - oder - in weiteren Abwandlungsschritten - gemeinsam mit der für die Tafeln (die 8 Stelen bestehen aus 2x 5 visaförmigen, mehrfach gefrästen Holzpanelen) bestimmten Box als Wand- , oder Bodenbild - ganz der mathematischen Meta-Zahlen-Logik folgend, zu immer neuen Kombinationen und Formfolgen zusammengestellt werden kann.

Solche GapStarPro Arbeitsprozesse sind anstrengend und wie jede Arbeit, „kosten“ sie Energie und Zeit. Sie erfordern Klarheit in der Konzeption, Geduld in der Ausformulierung, Durchhaltevermögen im Erwarten der zur Umsetzung notwendigen „richtigen“ Partner, eine bescheidene Haltung in bezug auf persönliche Ansprüche, und eine gehörige Portion körperlicher und psychischer Fitness bei der handwerklichen Transformation der einzelnen Elemente hin zum konzipierten Gesamterscheinungsbild. Das alles geht, wie Arbeit an und für sich, mal mehr oder weniger flüssig, aber kaum jemals ohne Disziplin!

So stellen die „1200 göttlichen Jahre“ nur ein Segment des bereits 3 Jahre dauernden künstlerischen Prozesses von „Ways of Discipline: Haltungen zur Arbeit“ dar, der über die Zwischenstation auf der Schallaburg, nun in die nächste Phase zurück nach Indien schwenkt.

Die acht „Bausteine“, aus denen die Werk Gruppe „1200 göttliche Jahre“ von GapStarPro aufgebaut ist, dienen miteinander der gerafften Betrachtung von Zeit. Jedes der 8 Elemente dieses Götter Gartens kann auch für sich alleine stehen, muss nicht in einem Garten stehen, kann ebenso gut in einem Raum seine eigene Art von Verdichtung, Auflösung oder Erweiterung erfahren: so kann der Klang ohne die Bilder existieren und die Bilder müssen nicht eine Drehtür bilden, um auf eine dahinterliegende Dimension zu verweisen, die Stelen können zu einzelnen Tafeln in einer Kiste zusammengelegt oder zu einem mehrteiligen Wandbild werden, und auch die domptierten Shiva Lingas verwandeln sich wieder zurück in „normale“ Buxbäume, sobald ihnen der magentafarbene Tüll abgezogen wird.

Nur der Apfelhain bleibt vielleicht auch dann noch ein geheimer Wunsch-Baum-Garten, wenn die Farbe der Fäden und an den Stämmen längst schon verblasst sein wird, die gelben Bänder abgenommen und die großen Opfersteine aus seiner Mitte entfernt worden sind, weil sich vielleicht irgendwo für irgendwen ein Wunsch erfüllt hat und die Gedanken einer entfernten Erinnerung dann heimlich wieder in jenen „Garten der Götter" schweifen, den am 23. Juni 2013 Personen des öffentlichen Lebens auf der Schallaburg eröffnet haben.

Schon in einem Jahr wird nichts mehr in diesem Garten daran erinnern, dass noch gestern der süße Geruch indischer Räucher-stäbchen durch diesen Garten wehte, dass es magentafarbene Buxbäume und eine geheimnisvolle blaue Schrift am Boden gab und selbst die Apfelbäume bemalt und umwickelt waren, oder dass man beim Gehen von einer exotisch anmutenden Wolke ausmusikalischen Tier- und Menschenklängen begleitet wurde.

Das was bleiben wird, ist ein kurzer Film über das Vergehen von Zeit in einem Garten.

GapStarPro (Rudolf Macher/Susen Okotie)
www.achtungzwischenraum.org

rudolf.macher@chello.at 0699120 20 596
susen.okotie@gmx.at 0650 763 66 59


GapstarPro dankt seinen Fördergebern und Realisierungspartnern:
Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich www.publicart.at
Schallaburg www.schallaburg.at
Trevision www.trevision.at
Norbert Math/alien productions
Wolfgang Stückler/art specials
Michi Eisenkölbl/modellart
Johannes Wegenstein/thishumanworld